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Osterpredigt 2003

Osterpredigt von Kpl. Alexander Kurp

Seht der Stein ist weggerückt!

Evangelium zu Ostern Mk, 16,1-7

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.

Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?

Doch als sie hinblickten, sahen sie, daß der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.

Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.

Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

im vergangenen Frühjahr war ich mit einer Gruppe von Betreuern auf Vorfahrt für die Sommerfreizeit in Frankreich. Wir haben uns das Haus angeschaut, das wir für die Freizeit gebucht haben und die Gegend erkundigt. Es gab einen See in der Nähe, das Meer war 90 km von uns weg. Bei einer der Erkundungsfahrten hielten wir auch an einer alten romanischen Kirche an, und daneben war ein Friedhof in einem Hang. Die Gräber der französischen Friedhöfe sind meist mit großen Steinplatten verschlossen, Votivtafeln stehen dort anstelle der Blumen.

Dieser Friedhof war aber dann doch noch anders: Sämtliche Steinplatten waren zerbrochen, die Eisenbänder, mit denen die Grabfassungen zusammengehalten waren, rosteten vor sich hin, waren zerrissen. Die Grabsteine waren umgestürzt, lagen kreuz und quer, viele waren zerbröselt, der ganze Friedhof war mit zerbrochenen Steinen übersäht. Man musste aufpassen, wohin man trat. Auf den paar wenigen Grabsteinen, die noch halbwegs gerade standen, und auf den Platten, die hoch halbwegs heil waren, versuchten wir zu erkennen, wann hier auf diesem Friedhof der letzte Mensch bestattet worden war, - aber nichts zu machen. Auch die Schriftzüge waren durch die Witterung unkenntlich geworden.

 

Ich kann mich noch gut an die Stimmung erinnern, die sich in der Gruppe einstellte. Etwas unsicher und etwas zaghaft sind wir über den Friedhof gegangen, und nicht nur weil wir aufpassen mussten, wegen der Steine nicht zu stolpern. Ein Akt von Barbarei und mutwilliger Zerstörung, eine ungewöhnliche Naturkatastrophe, ob etwa der Hang einmal abgerutscht war, oder aber doch nur der unaufhaltsame Zahn der Zeit, der an diesem Friedhof genagt hat, oder alles zusammen, mögen dafür verantwortlich sein, dass dieser Friedhof so zugerichtet war. Damals haben mich Ratlosigkeit und stummes Entsetzen gepackt.

 

Doch heute möchte ich diesen Friedhof in Frankreich zu einem Bild für Ostern machen.

Wir haben es eben gehört, wie die Frauen in aller Frühe zum Grab gehen um den toten Jesus zu salben. Sie wollen ihm einen letzten Dienst erweisen. Sie wollen ihm die Treue halten, auch jetzt noch, wo doch alles zu Ende ist. Doch dann sehen sie, dass der Stein ist weggewälzt war, das Grab ist geöffnet.

Und anstatt eines Leichnams finden sie einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen, der ihnen verkündet: Jesus, den gekreuzigten, den, den ihr für tot haltet, lebt – ist auferstanden.

Die Evangelien berichten nicht, dass die Frauen nun in Osterjubel verfallen wären, berichten von keinem enthusiastischen Hallelujagesang. Statt dessen Skepsis, ja sogar von Angst und Entsetzen ist die Rede. Skepsis, die mich erst einmal fragen lässt: Was ist da eigentlich passiert? Denn eigentlich ist es doch die sicherste Erfahrung der Menschen. Tot ist tot, und es ist noch keiner wiedergekommen! Sprichwörtlich: totsicher. Das ist die bitterste Realität für uns Menschen: Der Tod ist der unüberwindliche Abgrund, in der jeder Mensch einmal fällt. Unsere Leib verwest. Staub ist der Mensch, und zu Staub kehrt er zurück.

Zu Staub wird der Mensch aber schon zu Lebzeiten auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt, wenn Bomben und Granaten auf ihn fallen, weil irgendwelchen machtpolitischen Interessen es so wollen. Staub wird er in den Altenheimen und Sozialstationen, wenn er nur noch als Pflegefall gilt mit einer statistischen Verweildauer und einem Kostenfaktor. Zu Staub wird er, wenn er schon zu lange arbeitslos und nicht mehr vermittelbar ist. Zu Staub wird der Mensch, wenn er sich eingesperrt fühlt in den Zwängen der Zeit und des Alltags, eingesperrt wie in einem Grab. aus dem es kein Entkommen gibt. Das ist unsere Erfahrung. Und da ist es schon berechtigt nachzufragen: „Das soll auf einmal nicht mehr gelten?“

Auf diesem Hintergrund verstehe das Zaudern und das Zögern der Frauen und der Jünger. Ich verstehe ihren Zweifel und ihre Angst. Und auch der Engel scheint zu verstehen: „Erschreckt nicht!“ sagt er ihnen. Und er gibt ihnen einen Auftrag: „Geht und sagt es den Jüngern: Er geht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen.“

Galiläa, das ist dort, wo Jesus seine Jünger gelehrt hat, wo er ihnen das neue, das andere Reich verkündet hat, wo die Liebe Gottes regiert. Das Reich, das mit ihm seinen Anfang nimmt. Galiläa, das ist dort, wo Jesus den Menschen begegnet ist, wo er Wunder gewirkt hat, wo die Menschen aufatmen können und neue Hoffnung haben.

Geht nach Galiläa, das ist auch der Auftrag für mich heute.

Galiläa ist für mich überall dort, wo die Menschen Lieder der Befreiung singen gegen die Versklavung, wo Menschen zum Frieden aufstehen gegen den Krieg, wo Menschen dem Elend und dem Leid dieser Welt trotzen, mit der unerschütterlichen Hoffnung, dass es mehr gibt als den Tod.

Überall dort ist Galiläa, überall dort können wir den Auferstandenen sehen.

 

Seitdem der Welt zum ersten Mal die Auferstehung verkündet wurde, ist nichts mehr unerschütterlich, selbst die Erfahrung, das der Mensch zu Staub zerfällt. Vielmehr sind es all die Ängste und Sorgen, die uns gefangen halten wie Steine, die zerbrechen. Sie zerbrechen durch die Liebe, die Jesus Christus allen Menschen erwiesen hat.

Es die Bänder des Leids und des Todes, mit denen wir gefesselt sind wie Ketten aus Stahl und Eisen, die verrosten. Sie verrosten durch den Tod Jesu, der durch die Auferstehung den Tod vernichtet hat. Seit der Auferstehung Jesu zerfallen unsere Gräber wie auf diesem Friedhof in Frankreich, während wir zum Leben erstehen.

 

Lothar Zenetti hat es in einem Osterlied gesungen (vgl. Unterwegs. Lieder und Gebete, Hrsg: Deutsches Liturgisches Institut Trier u.a.)

 

Seht der Stein ist weggerückt nicht mehr, wo er war,

nichts ist mehr am alten Platz, nichts ist, wo es war.

Seht das Grab ist nicht mehr Grab, tot ist nicht mehr tot,

Ende ist nicht Ende mehr, nichts ist wie es war.

Seht, der Herr erstand vom Tod, sucht ihn nicht mehr hier,

geht mit ihm in alle Welt, er geht euch voraus.

 

Amen. Halleluja.

 

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