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Karnevalspredigt 2006

Karnevalspredigt 2006 

 

Liebe Fastelabendfreunde,

jetzt fiel mir ein Zitat in die Hände von Kardinal Meissner, dem Erdbeerschorsch, äh, dem Erzbischof von Köln. Und der hat sich einmal beklagt: „In Europa ist Gott weithin abhanden gekommen!“

Markantestes Zeichen, das dieser Auffassung Recht gibt, ist der Entwurf der europäischen Verfassung. Trotz aller Bemühungen des Papstes und der Kirchen wurde ganz bewusst auf einen Gottesbezug verzichtet. Treibende Kraft hierbei war Valéry Giscard d’Estaing, großer französischer Präsident und Vorsitzender des europäischen Verfassungskonventes. Er argumentierte damit, dass sich ein Gottesbezug in der Präambel nicht mit den Idealen der französischen Revolution und der Aufklärung des 18. Jahrhunderts vertrage, die eine strikte Trennung von Staat und Kirche fordert. Dabei ist es allerdings schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet in Frankreich dieser Verfassungsentwurf am Nein der Bevölkerung gescheitert ist. Aber das taten die Franzosen eher, weil sie mit Europa unzufrieden waren und mit ihrem eigenen Staat, in dem die Ideale Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit doch nicht diesen Stellenwert haben, wie es man vermuten könnte. Gott ist dagegen auch für die meisten Franzosen eher uninteressant. „Gott ist tot!“ so lautete die provozierende Formel der 68er-Generation, die alles neu machen wollte. Am gravierensten spürt man die Gottesvergessenheit in den neuen Bundesländern. Hier hat die SED-Diktatur mit ihrem staatlich verordneten Atheismus es geschafft, Gott radikal aus dem Gedächtnis und aus den Herzen der Menschen auszuradieren.

Wenn ich mir dann aber dagegen eine ganz normale Karnevalssitzung anschaue, wie sie überall bei uns gefeiert werden, da möchte ich meinen Ohren nicht trauen, wie der Name des Allerhöchsten aus vielen hundert Kehlen herausposaunt wird: „Der liebe Gott weiß, dass ich keine Engel bin! „Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust, wir glauben an den lieben Gott, und ham auch immer Durst“ Das waren die absoluten Karnevalshits der Höhner der vergangenen Jahre. Aber die Höhner schlagen daneben auch leise Töne an und fragen fast verzweifelt: „Wann jeit de Himmel widder ob?“ Die Bläck Föss liefern hingegen eine Variante des biblischen Schöpfungsberichtes in ihrem Lied: O lewer Jott, jib uns Wasser! wenn es beginnt: Als unser Vatter do bovven de Welt jemaat…“ und ein transzendentalen Ausblick der Gruppe lautet: „Es gibt ein Leben nach dem Tod!“

Aber das ist nicht nur bei den Liedern so: Selbstverständlich ist auch Gott, Himmel und Hölle  immer wieder ein Thema, das in Tänzen und auch in Witzen behandelt wird. Dazu ein Beispiel: Ein Bürgermeister und ein Pastor kommen in de Himmel. Söt de Petrus zu dem Bürgermeister: Jetzt pass mal auf: Du gehst jetzt hier an dem See entlang un dat Schlösschen da hinten, dat is für dich und die Kutsch, die davor steht und die Bedienstete die kümmern sich um dich. Un zu dem Pastor hatter jesacht: Du gehst jetzt über der Berg durch dat Tal am Wald dann links. un da findeste ein Holzhüttchen. un da meldest de dich. Haben die beide gemacht. Wie de Pastor an dat Holzhüttchen kam, saßen da schon 6 Mann am Tisch un in de Eck wor en ahl Fro esse am machen. Wat, jetzt kütt he noch einer – wat is dat für en Verwaltung hier im Himmel. De Pastur sich direkt beim Petrus beschwere jejange. „Also, so geht dat net. Ich war mein Leben lang Pastor hab mich immer aufgeopfert, war fromm und bescheiden! Un wat hat de Bürgermeister gemacht? De Stadtkasse is leer, un nix is jeschafft. „Ja“, sachte Petrus: „dat musste verstehen: Pastöre han mir hier oben jenug, aber Bürgermeister is dat de erste.“

Ja, könnten jetzt einige einwenden, aber das ist ja ein Zeichen dafür, dass man keinen Respekt mehr vor Gott hat. Früher war das anders. Denen möchte ich dann doch sagen, dass der liebe Gott mit seinem himmlischen Reich schon immer einen Stammplatz in den Karnevalsliedern hat. So heißt es bereits 1936 in der zweiten Strophe von Willi Ostermanns Heimweh nach Köln: Un deit de Herrjott mich ens rofe und 1950 sang Karl Berbuer: „Un et Arnölche fleut und de Herrjott hätt sing Freud.“ und Jupp Schmitz schmetterte: Wir kommen alle in den Himmel und Willi Millomitsch senierte: „Wir sind alles kleine Sünderlein!“

Warum ist das aber so? Warum bedient der Karneval diesen Teil so üppig und so ausschweifend?

Wolfgang Oelsner hat in einem seiner Bücher den Karneval als Fest der Sehnsüchte bezeichnet. Und im Karneval werden eine Reihe von Sehnsüchten bedient, die zum Teil sogar gegeneinander stehen: die Sehnsucht nach Ausgelassensein, ebenso die Sehnsucht nach Melancholie, die Sehnsucht nach Anarchie, ebenso die Sehnsucht nach Tradition, nach Heimat, die Sehnsucht der Grenzüberschreitung und eben die Sehnsucht nach Spiritualität. Karl Rahner, einer der berühmtesten und bedeutetsten Theologen des 20. Jahrhunderts hat einmal gesagt: „Der Mensch ist in seinem tiefsten Wesen Sehnsucht und Bedürftigkeit!“

Eine Sehnsucht des Karnevals ist die Sehnsucht nach dem Kindsein! Als Kind darf man über die Stränge schlagen, darf man wieder spielen, darf man sich verkleiden und irgendeinen Blödsinn machen. An Karneval dürfen wir das wieder, so erfüllt der Karneval ein Stück dieser Sehnsucht, noch einmal Kind sein zu dürfen.

Das Fest Weihnachten ist übrigens ebenfalls von dieser Sehnsucht nach dem Kindsein erfüllt. Vielleicht ist es deshalb so beliebt. Denn wir spüren auch hier die Sehnsucht in die Kindertage zurückzufallen, als man noch an das Christkind glaubte, das einem die Geschenke brachte. Als Kind, da konnte man noch den lieben Gott unmittelbar ansprechen. Für Kinder ist der Himmel etwas sehr reales mit einem Tor dran, und einem heiligen Petrus, der auf einer Wolke auf uns herabschaut, und einem Nikolaus, der in einer kalten Winternacht in die Wohnung hereingestapft kommt und aus einem großen Buch unsere Sünden vorliest.

Bei Kindern gibt es ganz konkrete Vorstellungen von gut und böse, von Himmel und Hölle. Vor allen Dingen konnte man mit dem lieben Gott so schön verhandeln, wie man mit einem Papa verhandelt, der es am Ende gar nicht so böse meint. „Der liebe Jott is jar net esu!“ so trösten sich die Rheinländer, wenn Ungemach und Fegefeuer droht.

Aber genau diese konkrete Vorstellung kommt im Karneval wieder, in den Liedern, wie wir schon erwähnt haben, oder auch in dem Liedtext: „Das mit dem Himmel kriegen wir schon hin.“ Oder aber wie gesagt in Witzen. Auch dazu ein Beispiel: „Kütt de Tünnes in de Himmel, söt de Petrus zu dem. Och Tünnes, du kommst aber nicht rein. Hätt de Tünnes sich beschwert: Wie, nicht erein, ich hab schließlich mein Leben lang Kirchensteuern bezahlt! Söt de Petrus, einen Moment, da muss ich erst de Chef fragen, kommt nach zehn Minuten wieder und sagt: Die Sache hat sich erledigt. Du kannst das Geld wiederhaben!“

Sooft ich auch diesen Witz erzähle, steht mir immer vor Augen: ich kann mir den Himmel nicht erkaufen.

Und jetzt wird es auf einmal kompliziert, wie überhaupt als Erwachsener das Sprechen über Religion viel komplizierter geworden ist und gar nicht mehr so einfach. Ich habe manchmal den Eindruck, als ob viele die Sprache nie gelernt haben, erwachsen über den Glauben zu sprechen. Spätestens als Jugendliche verabschieden sich viele. Auch dazu fällt mir ein Witz ein: Taubenwitz.

Als Jugendlicher will man ja frei sein von allen Grenzen, will man sich nicht in ein Korsett einzwängen, will sich selbst ausprobieren, sich selbst beweisen. Das Leben selbst in die Hand nehmen, das ist die Devise. Dabei wird aber auch alles abgelegt, was Kindsein bedeutet, oft auch der Karneval. Dann wird aber auch der Glaube ein Problem, weil Petrus ja nicht so ohne weiteres am Himmelstor steht und weil der liebe Gott sich einfach nicht so verhält, wie wir das hätten, und weil auch in der Religion nicht alles so einfach läuft.

Wir merken dies in diesen Tagen bei dem Karikaturenstreit im Islam, der Gewalt und Angst hervorruft.

Wer die Proteste hier verurteilt, der sollte aber auch bedenken, dass es nicht wenige gibt, die mit der Art, wie wir heute Gottesdienst feiern ein Problem haben und auch deren religiöse Gefühle haben wir wahrzunehmen und zu achten.

Religion und Glaube ist nichts einfaches, weil das Leben selbst nicht einfach ist. Doch genau hier setzt der Glaube erst an, hier entwickelt er seine Kraft Er will ja nicht die Vernichtung, sondern dass wir frei werden und leben ohne Angst. „Ich will, dass ihr das Leben habt, und es in Fülle habt!“ sagt Jesus. Es klingt da das tröstende des Evangeliums durch, das wir eben gehört haben, wo Jesus uns sagt: „Ich bin gütig und von Herzen demütig. Lernt von mir, denn ich mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“

Jesus erweist sich als Kenner des Lebens. Er weiß, man kann das Joch den Menschen nicht wegnehmen, er verneint das Leid nicht, nach dem Motto: „Hammer net, brauche mir net, fott domit.“

Was hier Jesus sagt, ist eine der schönsten Trostsätze, der er für uns parat hat: Ich trage eurer Leben, wie es auch ist, mit, ich bin bei euch, ich will zu euch stehen, wie kompliziert auch das Leben ist, mit all den Irrungen und Verwirrungen, mit all dem, was uns an die Erde reißt. Ich mache es euch leicht, so dass ihr es gerne tragen könnt.“

Dazu braucht es von unserer Seite aber zweierlei:

das erste ist das kindliche Vertrauen auf Gottes Führung, das wir im Karneval so oft entdecken können, und wie es sich in der Grundüberzeugung der Rheinländer widerspiegelt: „Et hätt noch immer joot jejange.“ So wie Jesus uns sagt: „Werdet wie die Kinder!“ Damit meint er: Vertraut Gott, wie ein Kind seinem Papa vertraut. So wie er im Evangelium jubelnd ausruft: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“

Daneben gibt es aber ein zweites. Dieses kindliche Vertrauen muss sich paaren mit der erwachsenen Nüchternheit und mit der Mühe, das Joch das Jesus uns auf die Schultern legt, auch zu tragen. Es gilt in unserem kindlichen Vertrauen nicht unseren Glauben zu  verkindlichen. Der Karneval hat darum bewusst eine Grenze, die des Aschermittwochs. Im Buch Kohelet heißt es darum: Alles hat seine Zeit. Es gibt die Zeit des Lachens, ebenso die Zeit des Innehaltens. Die Zeit des Kindseins ebenso die Zeit des Erwachsenwerdens.“ Es ist die Aufforderung von einer kindlichen dann doch zu einer erwachsenen Auseinandersetzung mit der Welt, der diesseitigen wie der jenseitigen und zu einem souveränen Umgang mit dem Leben zu kommen, mit dem endlichen und dem ewigen. Ansonsten trifft uns die Kritik des Liedes der Gruppe Brings: „Poppe, Kaate, Danze, - dat kannze“ und das „von Geburt an“ wie es heißt. Brings fragt hier kritisch nach, ohne das die vielen, die dieses Lied auch im Sommer am Ballermann singen, es bemerken würden: wat kannste eigentlich noch? Ist das alles, was du von deinem Leben erwartest, ist das alles was zählt? Oder bleibt nach einem berauschenden Fest, wie es der Karneval ist, und auch sein soll, nur der Kater übrig, der dann nur durch den nächsten Rausch überdeckt wird. Von der Sehnsucht, von der der Karneval getragen wird, bliebe dann nur die Sucht übrig. So gesehen hat gerade der Aschermittwoch die Chance das Leben zu emanzipieren, das Leben wachsen zu lassen, wie ein Kind wächst und erwachsen wird.

Gott lädt uns dazu ein, und er ist in seinem Sohn Jesus, bereit selbst Kind zu werden und uns das nicht nur vorzuleben, sondern eben auch mitzuleben. So fände dann die verzweifelte Frage der Höhner doch noch eine Antwort: Wenn Menschen sich so auf Gott einlassen, dann jeit für sie de Himmel wieder ob! Amen.

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