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Eine Engelsgeschichte
nicht nur für Kinder

geschenkt von Dieter Steinstrass / Weihnachten 2011

Quelle: Engelsgeschichten am Kamin
Gesammelt von Ursula Richter und Astrid Wiedemann
Rowohlt Taschenbuch Verlag

Angelinos Auftrag

von Georg Schwikart 

 Wie jeden Tag musizierten und jubilierten die himmlischen Heerscharen im Thronsaal des Allmächtigen.
 Da gebot der Erzengel Michael ihnen mit der Hand, zu schweigen. Als der letzte Ton verklungen war, 
 verneigte er sich Richtung Gott.
                Gott erhob sich, breitete die Arme aus, lächelte die Engel seines Hofstaates an und sprach:
 â€œMeine Lieben! Ihr habt es längst mitbekommen, die Menschen machen mir große Sorgen. Auf die
 Propheten hören sie kaum noch; alles läuft aus dem Ruder. Es scheint nur noch ein Weg zu bleiben, um
 wieder Ordnung zu schaffen.“
                Alle Engel blickten ihren Herrn erwartungsvoll an. Gott hielt einen Moment inne und faltete die
 Hände. Dann fuhr er fort:“ Also habe ich mich entschlossen, meinen eigenen Sohn zur Erde zu schicken.
 Er wird ein Mensch unter Menschen sein. Wie alle anderen Menschen soll er im Leib einer jungen Frau
 reifen. Zu Welt bringen möge ihn Maria von Nazareth.“
                Ein erfreutes Raunen war im Thronsaal zu vernehmen, und manche Engel spielten aufgeregt eine
 Art Tusch auf ihren Lauten, Flöten, Posaunen und Glockenspielen.
                Gott nickte väterlich.“ Ja“, sagte er und fasste sich ans Kinn,“ das ist ein bedeutender Schritt.
 Doch ich habe den Menschen Freiheit geschenkt. Das heißt, Maria muss erst damit einverstanden sein.
 Einer von euch wird ihr die Botschaft überbringen und sie fragen, ob sie dazu bereit ist.“

                Nun war es mucksmäuschenstill . Wer würde diese ehrenvolle Aufgabe übertragen bekommen?
 Gott zeigte auf den Erzengel Gabriel. Dieser verbeugte sich tief, Gott segnete ihn, und er schwebte davon.
 Die Orgel begann zu tönen, und alle Engel stimmten wieder in den himmlischen Lobgesang ein.

 Seither malte sich der kleine Engel Angelino jeden Abend vor dem Einschlafen einen ebenso großartigen
 Auftrag aus, wie ihn Gabriel auszuführen hatte. Aber bis Angelino als kleiner Schutzengel überhaupt einmal
 zur Erde hinab dürfte, würde es wohl noch eine Zeit dauern.
                Sein Chef, der Erzengel Michael, pflegte zu sagen, Angelino werde wohl bis in alle Ewigkeit in der
 dritten Reihe Halleluja singen; weiter könne er es kaum bringen. Und das nur, weil sich der Neuling im
 Himmel dann und wann etwas tollpatschig anstellte: Mal machte der kleine Engel sein blütenweißes
 Gewand schmutzig, wenn er auf Gewitterwolken ritt; ein anderes Mal riss er sich an der Himmelspforte die
 Flügel ein, weil er so scharf um die Ecke bog. Seither verlor er immer wieder Federn. Das Morgenlob
 verpasste Angelino dann und wann, weil er seine Träume im Bettchen nicht loslassen mochte. Und wenn
 ihn in der Himmelsschule der Erzengel Raffael abfragte, dann wusste er nicht, wie die Hierarchie der
 Cherubim und Seraphim aufgebaut ist.

  Eines Abends, als Angelino schon eine Weile im Bett lag, fiel ihm siedend heiß ein, dass er am nächsten
 Tag im Unterricht auf der Harfe vorzuspielen hatte. Natürlich hatte er vergessen zu üben. Er stand noch
 einmal auf und schlich sich in den Thronsaal, der um diese Zeit leer war; nur ein paar Leuchter verströmten
 ein mildes Licht.
                Der kleine Engel schnappte sich sein Instrument, da wurde es auf einmal strahlend hell.
 Erschrocken verbarg er sich hinter einem Palmwedel. War Gott selbst noch einmal herein gekommen?
 Nein; Angelino beobachtete wie Gabriel mit wehendem Gewand herein rauschte. Der Erzengel sah sich
 nach allen Richtungen um, bemerkte den kleinen Engel nicht und stieg die Stufen zum Thron empor.
 Angelino stockte der Atem: Gabriel nahm auf dem Thron des Allmächtigen Platz, lehnte sich zurück, schlug
 die Beine übereinander und rief grinsend:“ Ha! Eines Tages werde ich selbst hier sitzen!“
                Angelino ließ vor Schreck die Harfe zu Boden fallen. Das Instrument gab ein hässliches Geräusch
 von sich:“ Plung!“
                „Wer da?“ Gabriel sprang auf, sauste zu dem kleinen Engel und zog ihn am Ohr hinter dem
 Palmwedel hervor.“ Was machst du kleiner Wicht hier?“, fragte er barsch. Angelino zitterte vor Angst; er
 konnte zuerst gar nichts sagen, die Zunge klebte ihm am Gaumen fest.
                Gabriel hob drohend den Finger.  „Wenn du auf die Idee kommen solltest, auch nur ein Wörtchen
 zu verraten, dann ….!“ Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber Angelino konnte sich denken, was er damit
 sagen wollte.“ Ich petze doch nicht“, flüsterte er bange.

 Von Albträumen geplagt, warf sich der kleine Engel in seinem Bettchen hin und her. Beim Morgenlob am
 nächsten Tag dirigierte Michael Chor und Orchester. Nachdem die Halleluja-Lieder verklungen waren,
 setze er eine ernste Miene auf.
                „Einer von euch hat sich versündigt. Und das schwer!“ Michael ließ seinen Blick über die Reihen
 schweifen.“ Einer von euch hat es gewagt, sich auf den Thron des Allmächtigen zu setzen!“
                Alle sahen nun zu Gott hin, der nachdenklich den Kopf wiegte. Nur Angelino wagte nicht
 aufzublicken und versuchte, sich ganz klein zu machen.
                „Wer es auch immer war, er trete vor und gestehe!“, rief Michael. Niemand rührte sich.
                „Also gut“, sagte der Erzengel,“ das macht alles nur noch schlimmer.“ Er griff in sein Gewand und
 holte eine Feder hervor. “Dieses Beweisstück hat der Übeltäter auf dem Thron unseres Herrn
 zurückgelassen. Und wer verliert ständig Federn? Na? Wer?“ Alle drehten sich nach Angelino um. Der
 kleine Engel war blass geworden. Zornige Blicke trafen ihn. Die anderen schubsten und stießen ihn nach
 vorn, bis er in der Mitte des Thronsaals stand.
                „Was hast du zu sagen?“ Michael musterte ihn vorwurfsvoll, die Arme vor der Brust verschränkt.
                Angelino schwieg und blickte verlegen zu Boden.  „ Warst du es? Ja oder nein?“
                Der kleine Engel brachte kein Wort heraus. Er versuchte Gabriel aus dem Augenwinkel zu
 entdecken. Der gähnte, als wäre im sehr, sehr langweilig.
                „Zur Strafe wirst du verstoßen in das Reich der Finsternis. Verlasse das Licht des Himmels!
 Sofort!“ Michael wies mit der Rechten zur Pforte.


                Angelino trotte langsam zum Ausgang. In diesem Moment öffnete sich eine Tür, und Rafael kam
 herein gerauscht. Er schwebte direkt zu Gott empor und flüsterte ihm eine Botschaft ins Ohr. Gott strahlte
 auf einmal und verkündete: „ Es ist soweit! Maria liegt in den Wehen! Mein Sohn wird in diesem Augenblick
 geboren!“
 Ein helles und fröhliches Jauchzen hallte durch den Thronsaal.
 Gott breitete die Arme weit aus und sprach: „ Einer wird nun den Menschen die schönste aller guten
 Nachrichten überbringen. Und zwar –„
                Der kleine Engel war fast schon an der Tür angekommen, da vernahm er seinen Namen- „
 Angelino!“ – aus dem Munde Gottes. Wie angewurzelt blieb er stehen. Langsam wandte er sich um, dem
 Allmächtigen zu, überzeugt, er hätte sich verhört. Gott sprach:
 â€ž Meint ihr denn wirklich, ich wüsste nicht, wer sich angemaßt hat, auf meinem Platz zu sitzen? Ich weiß
 alles: Gabriel war es. Er ist der Versuchung erlegen und wollte nach der Macht greifen. Er ist nicht der
 Erste, der so eitel ist. Das kann ich verzeihen. Aber zuzulassen, dass Angelino zu Unrecht beschuldigt wird,
 das ist schändlich!“
 Gabriel riss bestürzt die Augen auf. Michael legte den Kopf schief und kratzte sich am Kinn.

                „Gabriel bekommt zur Strafe Hausarrest! Und nun zu dir, Angelino. Du machst eine Menge Fehler.
 Aber du hast geschwiegen, um Gabriels Schuld auf dich zu nehmen. Du bist unvollkommen, das ist wahr.
 Aber du meinst es gut. Und deswegen liebe ich dich, wie ich auch die Menschen liebe. Na, komm her,
 Kleiner, lass dich segnen, und dann ab mit dir! Auf Erden ist es schon wieder Abend. Mach dich nun zu
 den Hirten!“
                Angelino strahlte heller als alle Leuchter zusammen. Michael war zu ihm getreten, gab ihm ein
 paar Tipps und schließlich einen aufmunternden Schubs.

 Die Hirten lagerten mit ihren Herden auf den Weidegebieten vor der Stadt. Es war kalt und ungemütlich in
 dieser Nacht. Sie waren um ein kleines Lagerfeuer versammelt, lauschten den Märchen, die einer erzählen
 konnte, oder sangen ein Lied zum Klang der Flöte.
                Als Angelino erschien, erschraken sie sehr und fielen voll Furcht auf die Knie, als bedrohte sie ein
 Unwetter mit Blitz und Donner.

                „Keine Angst!“, rief Angelino ihnen schon von weitem zu. „Nun habt keine Angst! Ich habe euch
 etwas Wunderbares mitzuteilen, etwas was euch freuen wird! Euch ist heute der Messias geboren, der
 Retter, der Heiland, der alles gutmachen wird!“

                Die Hirten nahmen die Hände herunter, die sie zum Schutz vors Gesicht gehalten , und sahen
 Angelino misstrauisch an.
 â€žGlaubt mir doch! Ihr werdet ein kleines Kind finden, ein Neugeborenes. Es ist in Windeln gewickelt und
 liegt in einer Krippe.“ Angelino lachte den Hirten aufmunternd zu.
 Da erlebte er selbst eine Überraschung, denn hinter ihm versammelte sich auf einmal ein ganzes
 himmlisches Heer, angeführt von Michael, und sang vielstimmig: „ Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden
 auf Erden, bei den Menschen, die er liebt!“ Danach kehrten die Engel in den Himmel zurück, und die
 Hirten zogen nach Bethlehem. 


 Angelino fiel zwar auch später beim Harfevorspielen immer wieder durch. Doch dafür hatte er die
 wichtigste Botschaft der Welt überbringen dürfen. Nur der gekränkte Gabriel wusste zu verhindern, dass
 man den Namen des kleinen Engels in der Heiligen Schrift aufnahm.

 Ende

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