17. Türchen – Adventskalender 2020

Der Mond ist aufgegangen

Der Lärm unter der akustischen Glocke, unter der wir leben, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Es summt und quietscht, es rattert und dröhnt im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz, im Wohnzimmer wie im Einkaufszentrum. Ich versuche mir den Klang der Welt vorzustellen, in der Matthias Claudius „Der Mond ist aufgegangen“ – sein wohl bekanntestes Lied – geschrieben hat. In der zweiten Strophe heißt es: „Wie ist die Welt so stille, und in der Dämmrung Hülle, so traulich und so hold, als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“ Längst schon ist uns diese Stille fremd geworden. Vermutlich fehlen uns deswegen auch die tröstlichen Orte, wo wir den Jammer des Tages verschlafen und vergessen können.

Matthias Claudius kannte diese Orte, die hinter der lauten Fassade des Lebens verborgen sind. Orte, an denen das, was Menschen klar begriffen zu haben glauben, im Dämmerlicht zu verschwinden beginnt. Dort, in dem Zwischenbereich zwischen Hell und Dunkel, waren für Matthias Claudius Stille und Kraft zu finden. In dieser Stille schwebt eine lebendige Schwingung. Sie sammelt den Menschen aus der Zerstreuung und lässt ihn gegenwärtig werden. Sie macht aufmerksam auf eine andere, meist überhörte und übersehene Wirklichkeit.

Text: Klaus Nagorni in „Wenn die laute Welt ganz leise wird“
Foto: Heinrich Hildebrandt / pixelio.de